Die Mündliche Prüfung – Teil 2

Die Mündliche Prüfung – Teil 2

Ihr habt euch wochenlang oder auch nur ein paar Tage auf die mündliche Prüfung vorbereitet und jetzt ist es soweit. Der Termin steht unmittelbar bevor.

In diesem Beitrag gebe ich Euch ein paar Tipps und einen kleinen Einblick, wie die Prüfung abläuft.

1. Der Vorabend

Denkt daran, den Personalausweis und die Ladung, eure Gesetze, was zum Essen und Trinken und Schreibzeug mitzunehmen (wurde bei uns nicht gestellt). Außerdem solltet ihr natürlich schon eure Kleidung herausgelegt haben und den Weg zum Prüfungsraum wissen. Falls ihr an einem Ort geprüft werdet, den ihr noch nicht kennt, lohnt es sich, einmal vorher hinzufahren, damit ihr am Tag der Prüfung jeglichen Stress vermeidet. Solltet ihr zur Prüfung extra anreisen müssen, und alleine sein, würde ich jemanden bitten, euch morgens anzurufen und zu wecken. Eine meiner Freundinnen hat ihre Prüfung fast verschlafen und wenn sie nicht jemanden gebeten hätte, sie abzuholen, …. malt es euch selbst aus. Ihr bester Satz: „Pack alle Bücher ein, die nach Jura ausschauen“. 😉 Also wer nicht so starke Nerven hat, macht das alles lieber schön brav am Vorabend.

2. Was zieht man an?

Zieht am besten etwas an, worin ihr euch wohl fühlt. Dass es vielleicht nicht die Lieblings-Jogginghose sein sollte, muss denke ich, nicht gesagt werden. Ihr zeigt ja mit eurer Kleidung auch, dass ihr vor der Situation und den Prüfern Respekt habt. Die meisten Prüfer geben an der Uni oder auch im Ref den Rat, sich etwas schicker zu kleiden, und legen vor allem bei uns Damen darauf Wert, dass man nicht zu auffälligen Schmuck trägt und farbtechnisch –einfach insgesamt – Zurückhaltung übt. Ich halte das für richtig, denn es kommt in der Prüfung allein darauf an, mit eurer Leistung zu überzeugen. Ich hab in meinen Prüfungen immer den Klassischen Hosenanzug gewählt, und die Farben schwarz, blau und anthrazit jeweils in Kombi mit weiß getragen. Sitztest nicht vergessen und überprüfen, ob ihr auch Bewegungsfreiheit habt 😉

3. Das Vorgespräch

Bevor die eigentliche Prüfung anfängt, gibt es ein kurzes Vorgespräch mit dem Vorsitzenden der Prüfungskommission. Wie das Gespräch abläuft, hängt ein bisschen vom jeweiligen Vorsitzenden ab und wird eventuell schon aus den Protokollen ersichtlich. Meist wird zur Beruhigung der Nerven ein lockeres Gespräch geführt und Punkte aus dem Lebenslauf angesprochen. Besonders im ersten Examen versucht der Vorsitzende aber, euch die Nervosität zu nehmen und fragt, ob ihr euch prüfungstauglich fühlt.

Das wichtigste im Vorgespräch ist, euren Notenwunsch anzugeben, wenn ihr einen habt und euch verbessern wollt. Ich persönlich habe immer ausgesprochen, was ich für eine Note in der Prüfung erreichen möchte und es wäre mir nie in den Sinn gekommen, zu sagen, dass ich mit der gleichen Note wie im Schriftlichen rausgehen möchte. Ich hab mich in jeder Prüfung verbessert. Also das kann ich Euch wirklich nur empfehlen. Wenn ihr nicht sagt, was ihr für eine Punktzahl erreichen wollt, dann kann der Prüfer sie euch nicht geben. Die meisten Prüfer sind nach meiner Erfahrung bereit und gewillt, euch eine gute Note zu geben. Ich denke es handelt sich eher um Ausnahmen, wenn man sich verschlechtert- aber auch das gibt es. Man muss außerdem eine gute Begründung haben, warum man eine gewisse Note haben will. Wichtig ist aber immer, dass man ehrlich ist und sich nicht irgendwas ausdenkt. Besonders im zweiten Examen, wo es danach um den Berufseinstieg geht, sollte man dem Prüfer klar machen, wo man hin will und warum und es wird dann bei der Notengebung hoffentlich auch darauf eingegangen, und während der Prüfung versucht, euch entsprechende Fragen zu stellen, um eure Wunschnote zu erreichen.

Wichtig ist, falls der Prüfer nicht von sich aus anspricht, welche Note ihr haben wollt: seid so selbstbewusst, es selbst anzusprechen. Und wenn nur gefragt wird, ob ihr zufrieden seid, dann nutzt die Chance und sagt, „nein, deshalb will ich die Note XY haben, weil ich da und da arbeiten will.“ Traut euch, ihr könnt nichts verlieren! Setzt euch dabei aber immer realistische Ziele.

4. Der Ablauf der Prüfung

Nachdem jeder Kandidat mit dem Vorsitzenden gesprochen hat, bespricht sich der Vorsitzende mit den anderen Beisitzern und wird ihnen erzählen, was ihr für Notenwünsche habt. Es wird dann meist eine Reihenfolge festgelegt, mit welchem Kandidaten man in der Prüfung beginnt. Oft ist es so, dass beim Vornotenschwächsten angefangen wird, damit dieser die leichteren Fragen bekommt. Es muss aber nicht so sein, manche Prüfer gehen auch stur nach Sitz-Reihenfolge.

Die Reihenfolge ist klassisch Zivilrecht-Strafrecht-Pause-Öffentliches Recht. Im zweiten Examen: Zivilrecht-Berufsfeld-Pause-Strafrecht-Öffentliches Recht.
In seltenen Fällen kann es mal vorkommen, dass der Vorsitzende bestimmt, dass sein Fach als erstes geprüft wird.

In den Pausen werden die Noten der ersten Prüfungen schon festgelegt und man überlegt, welcher Kandidat im letzten Fach gegebenenfalls noch mehr geben muss oder nicht. Es kann durchaus vorkommen, dass man dann einen Kandidaten verstärkt dran nehmen wird, der einen gewissen Notenwunsch geäußert hat, weil man diesem helfen möchte, sein Ziel zu erreichen.

Die Noten sind aber nicht ganz fix, am Ende gibt es immer noch einen Spielraum. Fakt ist: manchmal wird wirklich rumgerechnet und geschaut, wer was braucht und dann kann es durchaus vorkommen dass man als Prüfer sagt, man gibt nochmal einen Punkt drauf.

5. Do‘s and Don‘ts

Ein paar Anmerkungen noch zum Umgang mit den Prüfern und den Kandidaten: Seid respektvoll euren Mitprüflingen gegenüber. Man meldet sich nicht, wenn grad jemand anders geprüft wird, das ist total unkameradschaftlich und wird Gott sei Dank auch von den meisten Prüfern ignoriert.

Sollte eine Frage freigegeben werden, ist das natürlich etwas anderes. Man kann aber auch durch Blickkontakt zeigen, dass man die Antwort weiß, dann wird man auch drangenommen in den meisten Fällen.

Außerdem sagt man auch nicht, dass ein anderer Kandidat was Falsches gesagt hat, wenn man anderer Meinung ist. Man kann ganz einfach sagen, dass man hier eine andere Ansicht vertreten würde, weil…

Kleiner Tipp am Rande: wenn der Prüfer einen Kandidaten etwas fragt und die gleiche Frage an den nächsten Kandidaten stellt, à là „wie sehen Sie das?“  – dann könnt ihr davon ausgehen, dass er eine andere Meinung hören will.

Was ihr auch machen sollt und dürft ist nachfragen, wenn euch z.B. anfangs im Sachverhalt was nicht ganz klar ist oder wenn ihr einen Prüfer habt, bei dem ihr nicht wisst worauf er hinauswill. Lieber nochmal nachfragen, bevor ihr was Falsches prüft und den Prüfer irritiert.

Wenn eine Frage freigegeben wird, und ihr denkt ihr wisst die Antwort, dann traut euch ruhig. Es wird in jedem Fall positiv bewertet, wenn ihr euch meldet und zeigt, dass ihr das richtig wollt.

6. Außerdem…

Wenn man mal keine Ahnung hat:

Manchmal werdet ihr eine Frage nicht beantworten können. Das ist nicht schlimm. Gebt auf keinen Fall auf und seid enttäuscht, ihr werdet noch öfters drangenommen und könnt immer aufs neue zeigen, dass ihr was wisst. Es ist also nicht schlimm, wenn ihr mal was Falsches sagt oder nicht wisst, was ihr prüfen sollt. Wenn ihr merkt, dass eine Antwort falsch war, könnt ihr euch rechtzeitig korrigieren und sagen, dass ihr die vorige Aussage so nicht mehr stehen lassen wollt. Außerdem solltet ihr, wenn ihr gar keine Ahnung habt, niemals sagen: „ich weiß es nicht.“ Lieber versuchen zu erklären, wie man vorgehen würde um etwas herauszufinden und dabei Systemverständnis zeigen. Z.B. sagen, dass ihr im Gesetz im AT oder BT was nachschauen würdet, oder in welches Gesetz ihr aus welchem Grund blicken würdet. Der Prüfer wird’s euch danken und euch auch in die gewünschte Richtung lenken. Wichtig ist, niemals entmutigt zu sein und während der Prüfung sein Bestes zu geben. Das wird dann schon.

Lesson Learned:

Die Protokolle können hilfreich sein. Aber in den meisten Fällen kommen die Dinge ganz anders, als man denkt. Es ist mir sowohl im ersten als auch im zweiten Examen passiert, dass ein Prüfer einfach aus dem anderen Rechtsgebiet das Thema übernimmt und für sein Fach entsprechend abwandelt. Im zweiten Examen wurde Ö-recht vor Strafrecht geprüft und die Neuerungen des BayPAG angesprochen. Der Strafrechtler hat dann gefragt, was es alles neues in der StPO gäbe. Außerdem wurde im Berufsfeld Anwaltschaft thematisiert, ob eine Kopie eine Urkunde darstellen kann und auch diese Frage hat er aufgegriffen.

Am Ende des Tages bringen die Protokolle wenig, weil viele Prüfer nicht protokollfest sind. Verlasst euch also nicht zu sehr darauf, sondern setzt in eurer Vorbereitung auf Allgemeinwissen, Schemata und Definitionen. Die Prüfer erwarten nicht, dass ihr etwas gleich könnt, sondern wollen sehen, wie ihr auf die Lösung hinarbeitet und diese entwickelt. Falls ihr zufällig den Fall schon kennt, der geprüft wird, zeigt das auch nicht offensichtlich, sondern entwickelt sie eigenständig und platzt nicht gleich mit dem Ergebnis hinaus.

Ich wünsche euch viel Kraft und Durchhaltevermögen während der Vorbereitung und alles Gute für die Mündliche Prüfung! Ihr schafft das. Und Herzlichen Glückwunsch zum bestandenen Staatsexamen.

Eure Allie

 

 

 

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